71 – Die mit dem Namen „Kunst & Brot“ („Ausgesprochen selbstständig“)

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Ich glaube, ich habe noch nie richtig erzählt, wie der Name Kunst & Brot eigentlich entstanden ist. Es ist nämlich gar nicht so, dass ich die Idee für diese Selbstständigkeit oder für diese Art von Arbeit hatte und dafür einen Namen gesucht habe, sondern den Namen Kunst und Brot gab es tatsächlich schon über ein halbes Jahr, bevor er überhaupt irgendeine Bedeutung hatte. Das war so 2021, da war ich noch angestellt, hatte auch noch nicht gekündigt oder überhaupt nur eine Sekunde den Gedanken an Selbstständigkeit. Also ich habe noch als General Manager Sales bei einer Marketingagentur gearbeitet.

Wir machen das jedenfalls andauernd, meine Frau Mara und ich. Keine Ahnung, ob das ein spezielles Ding ist oder ob andere das auch machen, aber wir machen das andauernd, so Gedankenspiele, wo man einen Blumenladen haben könnte, oder? Das ist unsere liebste Beschäftigung, wie man Dinge kombinieren könnte, also ein Buchladen und ein Café oder ein Kreativladen mit Workshopspace. So Sachen miteinander kombinieren, die irgendwie für die gleichen Leute interessant sind, aber bei denen man was ganz unterschiedliches macht. Ich habe glaube ich irgendwann mal gesagt, ach hier so einen Workshop Space und Platz für Kunstverkauf haben, das wäre cool, irgendwie sowas. Und dann sind wir drauf gekommen, dass meine Frau sehr gerne Brot backt. Ich glaube, das war auch wahrscheinlich so ein Lockdown-Ding, dass das diese Ausmaße angenommen hat. Also sie macht richtig Brot, wir haben auch alles mit Gärkörbchen und so einer gusseisernen sauschweren Form von Le Creuset, die man braucht, um dieses Brot zu backen, all diese Dinge. Also Brot backen ist ihr Ding, und so schöne Brote auch zu belegen. Also haben wir gedacht: Das sollten wir zusammen machen, so ein Ort, wo es ganz viel Kunst gibt und Platz für Kreatives ist, was so mehr mein Ding ist, aber wo es auch so richtig geiles Brot gibt, belegte Brote, frische Brote, solche Sachen. Dieser Ort hätte dann den Namen Kunst und Brot, weil es dort Kunst gibt und Brot.

Das heißt, der Name Kunst und Brot war ursprünglich erstens gar nicht meine Idee, sondern Maras Idee, und zweitens der Name für ein Café und Kreativladen. Kunst und Brot bezog sich also ursprünglich wirklich mal auf Brot. Und dann habe ich irgendwas Verrücktes gemacht. Ich weiß wirklich manchmal nicht, was mein Kopf los ist. Ich habe mir damals, wie gesagt, ich war noch angestellt, kein bisschen selbstständig, nicht mal mit dem Gedanken an die Selbstständigkeit beschäftigt, ein iPad gekauft mit einem Apple Pencil, und schon im Juni hatte ich ein iPad und einen Apple Pencil, auf dem Kunst und Brot steht. Ist das nicht verrückt? Es hatte noch keine Bedeutung. Und die hat es erst später bekommen.

Dann habe ich Ende 2021 mit dem Gedanken gespielt, mich selbstständig zu machen. Habe dann auch diese Räume hier besichtigt, ebenfalls etwas, was ich gemacht habe, ohne ein Business zu haben. Irgendwie habe ich nichts in der richtigen Reihenfolge gemacht: Ich hatte den Namen für dieses Business und ich hatte die Räume für dieses Business, bevor ich überhaupt das Business hatte. Völlig verdrehte Reihenfolge, oder? Und dann habe ich irgendwann im Januar Kunst und Brot gegründet, und da hatte das Wort Brot natürlich die Bedeutung von Erwerb, weil ich dann gesagt habe, ich will die brotlose Kunst abschaffen. Und heute finde ich, dass Kunst & Brot der perfekte Name für das ist, was ich mache. Es passt ganz genau zu dem, wofür ich stehen will und wie ich arbeite.

Ich habe mich selbstständig gemacht, ich arbeite mit Künstlerinnen, ich möchte, dass Künstlerinnen mehr Geld mit ihrer Arbeit verdienen. Geld entspricht ja dem Brot, also dem Broterwerb sozusagen, und deswegen gehört für mich Kunst und Brot zusammen. Ich möchte damit aussagen, dass man mit Kunst sein Brot verdienen kann. Ich sage nicht, dass das leicht ist, absolut nicht, aber ich sage, dass es möglich ist. Und ich will, dass dieses Klischee von der brotlosen Kunst nicht mehr so in den Köpfen verankert ist. Ich möchte, dass Künstlerinnen, wenn sie sagen, dass sie als Künstlerinnen arbeiten, nicht sofort als Antwort bekommen: „Ach, und davon kann man leben, oder? Na, das ist sicher schwer.“ Ich will, dass das nicht mehr so tief in den Köpfen der Menschen, aber vor allem in den Köpfen derer verankert ist, die von ihrer Kunst leben möchten. Ich will, dass sie glauben, dass es möglich ist.

Was mir oft begegnet in der Kreativbranche, bei allen, die teilselbstständig sind mit ihrer kreativen Arbeit, ist der Begriff Brotjob für den Job, den sie neben ihrer künstlerischen Tätigkeit machen. Manche haben ja noch zum Beispiel einen Job in einem Büro oder in einer Bäckerei oder irgendwo anders, weil sie von ihrer Kunst noch nicht leben können oder auch nicht alleine davon leben wollen. Und dann nennen sie diesen anderen Job, der nicht der künstlerische Job ist, Brotjob. Ich finde, das ist eine unglückliche Bezeichnung, denn Sprache macht so viel mit unseren Gedanken und mit unserer Wirklichkeit. Diese Bezeichnung Brotjob sorgt dafür, dass wir nicht die Kunst als unseren Brotjob wahrnehmen und vielleicht dann auch nicht daran glauben, dass Kunst und Brot möglich ist, dass man mit der Kunst sein Brot verdienen kann.

Ich habe eine Künstlerin, die sagt, sie ist Künstlerin und hat noch einen Nebenjob, und der Nebenjob ist halt ein Job im Büro oder so was. Das finde ich klug, wenn das Ziel ist, langfristig von der Kunst zu leben, weil es sofort die Dinge in die richtige Perspektive setzt: Wir müssen unsere Wirklichkeit so gestalten, wie wir sie haben wollen, lossgelöst davon, wie es nun mal gerade ist. Aber damit die Veränderung in diese Richtung möglich ist, würde ich nicht diesen anderen Job, der vielleicht irgendwann mal überflüssig sein soll, Brotjob nennen, weil das dem eine so große Bedeutung und Wichtigkeit gibt, dass es sich unmöglich anfühlt, dass dieser Job mal irgendwann nicht mehr notwendig ist. Also wenn du das möchtest, dass deine Kunst dein Hauptjob wird oder sogar dein alleiniger Job wird, dann nenn das deinen Brotjob, selbst wenn du damit 100 € im Jahr verdienst, egal, dann hast du schon Brot damit verdient. Nenn den anderen Job deinen Nebenjob, damit er irgendwann überhaupt nebensächlich werden kann.

Das ist der Gedanke hinter Kunst & Brot: Ich möchte, dass die Leute verstehen, dass brotlose Kunst ein Klischee ist und nicht eine Tatsache. Ich möchte, dass Künstlerinnen daran glauben, dass sie mit ihrer Kunst ihr Brot verdienen können, wenn sie das möchten. Das ist nicht zwingend notwendig, man kann auch den ganzen Tag Kunst machen, ohne einen Cent damit zu verdienen, wenn man das nicht will, das ist vollkommen in Ordnung, und nicht aus jeder Leidenschaft muss ein Business werden. Aber wenn du den Wunsch hast, von deiner Kunst gut leben zu können, besser leben zu können, dann ist Kunst & Brot genau der Ort dafür. Und irgendwie war scheinbar genau dieser Gedanke schon viel länger in mir drin, als mir das überhaupt bewusst war.

Immer, wenn ich so an die Anfänge von Kunst & Brot vor viereinhalb, 5 Jahren zurückdenke, finde ich es so komisch, dass das bei mir alles so eine merkwürdige Reihenfolge hatte, und dass ich tatsächlich als allererstes diesen Namen hatte. Kunst und Brot war zuerst da als Satz, als Formulierung, als Name, dann die Räume, weil ich die unbedingt haben wollte, in denen ich jetzt hier bin, mein Atelier, mein Büro, mein Coachingraum, und dann habe ich erst diese Selbstständigkeit angemeldet, dann habe ich erst entschieden, was ich überhaupt bei Kunst & Brot mache und wie ich überhaupt arbeite und mit wem ich überhaupt arbeite. Was für eine verdrehte Reihenfolge. Die Sache mit dem Atelier habe ich ja schon öfter erzählt. Aber dass der Name eigentlich Maras Idee war, für ein Café, in dem es Brot gibt, das sie gebacken hat, das habe ich, glaube ich, noch nie erzählt.

Jedenfalls habe ich mir Kunst und Brot geschnappt und Kunst & Brot damit gegründet. Vielleicht gibt es ja bei dir auch irgendwas, was in einer komischen Reihenfolge passiert, und vielleicht muss es dann einfach genauso sein. Vielleicht ist das okay, vielleicht geht es nicht immer so linear und nachvollziehbar und logisch. So oft kommen Künstlerinnen zu mir und wollen einen Plan, einen Fahrplan, eine Schritt-für-Schritt-Anleitung, wollen wissen, was sie als nächstes tun sollen, und ich verstehe diesen Wunsch, das ist so menschlich. Deswegen lasst euch einfach gesagt sein: Das ist auch okay, wenn die Reihenfolge nicht logisch ist. Ich hatte tatsächlich zuerst den Namen, bevor ich irgendetwas von dem hatte, was ich heute mache: Selbstständigkeit, eigene Räume, über 500 Künstlerinnen, die bei mir schon gekauft und gebucht haben. Nichts davon hätte ich mir in meinen wildesten Träumen vorstellen können, als ich Kunst und Brot auf dieses iPad und diesen Apple Pencil habe gravieren lassen.

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