63 – Die, in der ich alles kann (“Ausgesprochen selbstständig”)

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In der heutigen Folge will ich über etwas sprechen, das mir nicht ganz leichtfällt. Genau dafür ist dieser Podcast da, um laut nachzudenken und auch über die Dinge zu sprechen, die ich zum Beispiel nicht auf Instagram teile. Es gibt ein Phänomen, das ich bei mir immer wieder beobachte. Ich merke, wie es dazu führt, dass ich Dinge gar nicht erst anfange, wenn ich nicht denke, dass sie perfekt werden. Perfekt ist dabei nicht das Ziel, perfekt ist die Untergrenze, das Minimum. Ich habe mich lange damit auseinandergesetzt und irgendwann verstanden, woher das kommt.

Seit ich denken kann, wurde mir immer gesagt: Wenn das jemand schafft, dann Heide. Dieser Satz begleitet mich seit meiner frühesten Kindheit. Dabei war es völlig egal, worum es ging. Oft waren es schulische Dinge, aber im Grunde bezog sich das auf alles. Ich habe früh gelesen, war gut in der Schule, habe Instrumente gespielt, vieles lief einfach. Wenn ich dann etwas geschafft habe, hörte ich Sätze wie: Von dir hätten wir auch nichts anderes erwartet.

Diese Aussagen kamen von verschiedenen Menschen in meinem Umfeld. Es waren Lehrerinnen, Verwandte oder einfach Stimmen, die immer wieder auftauchten. Es gab keinen Raum für die Möglichkeit, dass ich etwas nicht schaffen könnte. Wenn ich erfolgreich war, galt das als selbstverständlich. Dabei waren diese Sätze als Wertschätzung gemeint. Sie sollten ermutigen und mein Selbstvertrauen stärken.

Heute weiß ich, dass genau das bei mir etwas anderes ausgelöst hat. In meinem Kopf ist Scheitern keine Option und Erfolg das Minimum. Das hat mein Verhalten lange geprägt. Bis zu meiner Selbstständigkeit habe ich fast ausschließlich Dinge gemacht, bei denen ich wusste, dass sie funktionieren. Alles, was unsicher war, habe ich eher vermieden.

Das zeigte sich schon in der Schule. Ich habe Fächer gewählt, in denen ich gut war, nicht unbedingt die, die mich am meisten interessiert haben. Auch mein Studium habe ich danach ausgerichtet. Ich habe allgemeine Sprachwissenschaften studiert, obwohl mein Abiturdurchschnitt viel mehr Möglichkeiten eröffnet hätte. Mein Umfeld sah das teilweise als unter meinen Möglichkeiten, für mich war es eine sichere Wahl. Ich habe mich bewusst in meiner Komfortzone bewegt.

Gleichzeitig fällt es mir bis heute schwer, meine eigenen Erfolge zu benennen. Etwas zu schaffen war für mich nie etwas Besonderes, es war das Erwartbare. Diese Haltung sitzt tief. Wenn ich heute eine Idee habe oder etwas ausprobieren will, tauchen sofort diese alten Sätze auf. Sie sind so präsent, dass sie mich oft davon abhalten, Dinge überhaupt zu versuchen. Denn wenn Scheitern keine Option ist, bleibt nur das Perfekte.

Dabei halte ich Scheitern eigentlich gar nicht für schlimm. Bei anderen sehe ich das ganz klar und auch rational für mich selbst. Ich finde es nicht schlimm, etwas nicht zu schaffen. Trotzdem gibt es diese innere Stimme, die das nicht akzeptiert. Sie ist laut und hartnäckig. Sie sorgt dafür, dass ich Dinge vermeide, die schiefgehen könnten.

Als ich mich 2022 selbstständig gemacht habe, hatte ich deshalb einen Gedanken. Am liebsten wäre ich nach Spanien gegangen, um mich dort selbstständig zu machen. An einem Ort, an dem mich niemand kennt. Erst ausprobieren, ob es funktioniert, und dann zurückkommen. Dann, wenn ich sicher bin, dass es klappt.

Dieser Gedanke zeigt, wie stark dieses Muster ist. Es entsteht aus etwas, das eigentlich positiv gemeint war. Mir wurde immer alles zugetraut, und das ist grundsätzlich etwas Schönes. Gleichzeitig hat es dazu geführt, dass ich Risiken vermeide. Dass ich Dinge meide, bei denen ich scheitern könnte.

Heute wünsche ich mir manchmal das Gegenteil. Ich wünsche mir, dass jemand nicht an mich glaubt. Das klingt absurd, ist aber ernst gemeint. Ich brauche manchmal diesen Zweifel von außen. Ich brauche jemanden, der sagt: Ich glaube nicht, dass du das schaffst.

Ob das ernst gemeint ist oder nicht, spielt dabei fast keine Rolle. Dieser Satz gibt mir die Freiheit, Dinge auszuprobieren. Wenn ich es dann schaffe, fühlt es sich wie ein echter Erfolg an. Wenn ich scheitere, ist es auch in Ordnung. Dieses Gefühl fehlt mir, wenn von Anfang an alle davon ausgehen, dass alles gelingt.

Deshalb achte ich heute bewusst darauf, mich mit Menschen zu umgeben, die klüger sind als ich. Menschen, die Dinge können, die ich nicht kann. Menschen, bei denen ich lernen kann. Ich suche aktiv Umfelder, in denen ich auch mal die bin, die etwas nicht kann. Das ist ein bewusster Gegenpol zu dem, was ich lange erlebt habe.

Ich will mir selbst beweisen, dass nichts Schlimmes passiert, wenn ich etwas nicht gut kann. Ich will erleben, dass es in Ordnung ist, nicht die Beste zu sein. Dieses Lernen passiert nicht theoretisch, es passiert im Alltag. Besonders in meiner Selbstständigkeit werde ich jeden Tag damit konfrontiert.

Was mich zusätzlich trifft, ist eine bestimmte Rückmeldung, die ich regelmäßig bekomme. Mindestens einmal pro Woche höre ich: Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass du auch mal strugglest. Ich weiß, dass das als Kompliment gemeint ist. Es soll ausdrücken, dass alles bei mir professionell wirkt.

Trotzdem trifft es genau den Punkt, der für mich schwierig ist. Ich struggle jeden Tag. Es gibt ständig Dinge, die nicht laufen, die ich nicht kann oder die mich herausfordern. Wenn das nicht gesehen wird, verstärkt das den Druck. Es passt zu dem alten Muster: Wenn Heide das macht, dann wird das schon.

Dabei ist meine Realität eine andere. Ich mache jeden Tag Dinge, bei denen ich nicht weiß, ob sie funktionieren. Ich verlasse ständig meine Komfortzone. Ich probiere Dinge aus, die auch schiefgehen können. Das gehört für mich zur Selbstständigkeit dazu.

Umso wichtiger ist es für mich, dass auch das gesehen wird. Dass es Raum gibt für Unsicherheit, für Fehler und für Entwicklung. Dass nicht alles von Anfang an als selbstverständlich erfolgreich betrachtet wird. Denn genau das nimmt mir die Möglichkeit, meine eigenen Fortschritte zu erkennen.

Ein Moment, der mir sehr geholfen hat, war ein Satz meiner Mutter. Ich habe ihr von einem Plan erzählt und sie sagte: Du traust dich was. Dieser Satz war wertschätzend und ehrlich. Er hat meinen Mut gesehen, nicht das Ergebnis vorweggenommen.

Das hat etwas in mir verändert. Es hat Raum gelassen für die Möglichkeit, dass es funktioniert oder auch nicht. Es hat anerkannt, dass ich etwas wage. Genau dieser Blick tut mir gut. Er erlaubt mir, ergebnisoffen an Dinge heranzugehen.

Ich probiere jeden Tag Dinge aus, die schiefgehen können. Manche funktionieren, andere nicht. Genau deshalb gibt es diesen Podcast. Er ist ein Ort, an dem ich sichtbar mache, womit ich struggle. Wo ich keine Antwort habe, wo ich keine Lösung kenne und wo ich mir selbst im Weg stehe.

Trotzdem wirkt es nach außen oft so, als wäre alles perfekt. Das ist es nicht. Es ist auch nicht mein Ziel. Ich will wachsen, mich entwickeln und Dinge ausprobieren. Ich will bewusst außerhalb meiner Komfortzone sein.

Dafür brauche ich aber auch den Raum zu scheitern. Ich will, dass es etwas Besonderes ist, wenn mir etwas gelingt. Ich will erkennen, wenn ich über mich hinausgewachsen bin. Das funktioniert nur, wenn ich mich von der Erwartung löse, dass alles automatisch gelingt.

Rational habe ich damit schon viel Frieden geschlossen. Seit meiner Selbstständigkeit habe ich viel von meinem Perfektionismus abgelegt. Trotzdem sind diese alten Stimmen noch da. Sie tauchen immer wieder auf.

Die Selbstständigkeit ist für mich ein Übungsfeld. Hier gibt es jeden Tag Dinge, die ich nicht kann. Dinge, die ich lernen muss. Dinge, in denen ich besser werde oder die ich irgendwann abgebe. Ich will, dass all das in Ordnung ist.

Ich weiß, dass es paradox klingt. Viele Menschen wünschen sich, dass jemand an sie glaubt. Ich wünsche mir manchmal das Gegenteil. Ich wünsche mir Zweifel, um daran wachsen zu können. Vielleicht ist das ein Ego-Thema, vielleicht einfach mein persönliches Päckchen.

Am Ende geht es für mich um etwas Grundsätzliches. Wir wissen nie, was in anderen Menschen vorgeht. Wir sehen nicht, welchen Weg jemand gegangen ist oder gerade geht. Deshalb halte ich es für wichtig, vorsichtig mit Bewertungen zu sein.

Vielleicht hättest du nicht gedacht, dass genau diese Sätze für mich schwierig sind. Für mich ist es hilfreicher zu hören: Bist du dir sicher, ist das eine gute Idee, glaubst du, dass du das schaffst. Diese Fragen geben mir Raum. Sie geben mir die Möglichkeit, wirklich zu wachsen.

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