62 – Die mit der Moral (“Ausgesprochen selbstständig”)

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Manchmal wünschte ich mir, ich hätte keinen so moralischen oder ethischen Kompass oder zumindest einen, der nicht so ausgeprägt ist. Denn ich habe das Gefühl, so wie die Welt gerade ist, macht es mir das Leben schwer, dass ich mich moralisch korrekt verhalten möchte. Es wird mir irgendwie schwer gemacht, weil ich das Gefühl habe, alles, was ich benutze, kaufe, brauche oder verwende, ist nicht mehr moralisch vertretbar, jedenfalls nicht nach meiner Wertvorstellung. Dieses permanente Abwägen begleitet mich im Alltag und lässt sich nicht einfach abschalten. Es ist kein gelegentlicher Gedanke, es ist ein konstantes Hintergrundrauschen.

Bei mir ist es so, dass ich versuche und auch der Meinung bin, dass wir mit unserem Geld und damit, wie wir es ausgeben, mit unserem Nutzungsverhalten und mit den Dingen, die wir verwenden, für die Welt abstimmen, die wir uns wünschen. Geld ausgeben ist unsere Art zu bestimmen, wie die Welt aussieht. Wenn ich in den Supermarkt gehe und Hafermilch für 2,49 € kaufe statt Kuhmilch für 0,79 €, dann tue ich das nicht nur aus Geschmack. Ich stimme damit für eine Welt, in der ich mir wünsche, dass nicht Kuhmilch, sondern Hafermilch getrunken wird und dass Hafermilch anders besteuert wird. Dieses Prinzip zieht sich für mich durch viele Lebensbereiche. Es ist eine bewusste Entscheidung, die über den einzelnen Einkauf hinausgeht.

Ich bin der Meinung, wie wir unser Geld ausgeben, ist eine Form von Abstimmung. Wo wir kaufen, was wir kaufen und wofür wir unser Geld ausgeben, zeigt unsere Prioritäten und macht sichtbar, was uns wichtig ist. Das sieht bei jedem anders aus, und das ist auch in Ordnung. Für mich ist es etwas, worauf ich sehr bewusst achte, auch bei Unternehmen, mit denen ich arbeite oder für die ich arbeite. Einer der Gründe, warum ich Kunst und Brot gegründet habe, war genau diese Frage. Wofür möchte ich meine Zeit, meine Energie und mein Wissen einsetzen?

Diese Ressourcen betreffen nicht nur Geld. Ich habe früher Werbekampagnen für große Konzerne gemacht und irgendwann gemerkt, dass ich das nicht mehr möchte. Ich wollte meine Energie, meine Zeit und mein Wissen lieber für kreative Menschen einsetzen. Ich wollte, dass diese Menschen davon profitieren und nicht große Strukturen, mit denen ich mich nicht identifizieren kann. Diese Entscheidung hat meine gesamte berufliche Ausrichtung verändert. Sie fühlt sich bis heute richtig an.

Ich bin also der Meinung, wie wir uns verhalten, was wir verwenden, wo wir unser Geld ausgeben und wo wir unsere Energie einsetzen, ist unsere Art, die Welt mitzugestalten. Es ist eine Form, Einfluss zu nehmen und einen Fokus zu setzen. Gleichzeitig wird es für mich immer schwieriger, mich an diesen moralischen Kompass zu halten. Besonders in meiner Selbstständigkeit merke ich das sehr deutlich. Ein konkretes Beispiel ist Instagram.

Ich benutze Instagram als meinen Hauptmarketingkanal. Dort sind die meisten Künstlerinnen, mit denen ich arbeite, dort entstehen die meisten Kontakte und dort werde ich am häufigsten entdeckt. Es ist ein essentieller Kanal für meine Arbeit. Gleichzeitig stelle ich mir die Frage, ob ich das noch vertreten kann. Instagram gehört zu Meta, genauso wie Facebook, WhatsApp und Threads, und ich nutze all diese Tools.

Mit meiner Reichweite, meinen Aktivitäten und meinen Inhalten unterstütze ich diesen Konzern. Meta verdient Geld durch Werbung, die zwischen meinem Content ausgespielt wird. Das bedeutet, ich trage indirekt dazu bei, dass dieser Konzern wächst. Die Kritik an Meta ist massiv und betrifft unter anderem Datensammlungen, Intransparenz und den Umgang mit Inhalten. Dazu kommen politische Verstrickungen, die meinen Werten widersprechen. Eigentlich kann ich das nicht mehr mit mir vereinbaren.

Gleichzeitig kann ich Instagram nicht einfach löschen. Es ist ein zentrales Element meiner Selbstständigkeit. Dieses Spannungsfeld fühlt sich wie ein permanentes Dilemma an. Es fehlt mir aktuell sowohl eine echte Alternative als auch die Energie, alles komplett neu aufzubauen. Diese Lücke zwischen Haltung und Realität ist schwer auszuhalten.

Ein weiteres Beispiel ist Spotify. Die Plattform bezahlt Künstlerinnen und Künstler nicht so, wie ich es für richtig halte. Die Einnahmen pro Stream sind extrem gering und machen es für viele schwer, von ihrer Musik zu leben. Das widerspricht direkt dem, wofür ich stehe. Zusätzlich gab es Werbeinhalte und Entwicklungen, die mit meinen Werten nicht vereinbar sind.

Trotzdem nutze ich Spotify Creators für meinen Podcast. Darüber lade ich meine Folgen hoch und von dort aus werden sie auf andere Plattformen verteilt. Ohne dieses System würde mein Podcast in dieser Form nicht existieren. Ich kenne aktuell keine echte Alternative. Das bedeutet, ich bin auch hier an eine Plattform gebunden, die ich eigentlich nicht unterstützen möchte.

Das nächste Thema ist KI, konkret ChatGPT. Der Mitbegründer von OpenAI hat große Summen an politische Akteure gespendet, die meinen Werten komplett widersprechen. Das ist für mich kaum tragbar. Mein erster Impuls war, mein Abo zu kündigen. Gleichzeitig gibt es Klara.

Klara ist ein Custom GPT im Artist Business Club. Ich habe sie mit meinem Wissen trainiert und sie wird von vielen Künstlerinnen genutzt. Sie bietet konkrete Unterstützung im Alltag und greift auf Inhalte aus meinen Masterclasses zurück. Damit sie existieren und aktualisiert werden kann, brauche ich eine kostenpflichtige Mitgliedschaft bei ChatGPT. Kündige ich diese, verschwindet Klara.

Ich weiß, wie wertvoll dieses Tool für viele ist. Deshalb bleibe ich in dieser Struktur, obwohl sie meinen Werten widerspricht. Dieses Spannungsfeld wiederholt sich immer wieder. Es geht weiter mit Amazon. Privat bestelle ich dort kaum noch etwas, aber das Affiliate-Programm ist kaum ersetzbar.

Über dieses Programm kann ich Empfehlungen teilen und eine kleine Provision erhalten, ohne dass für andere Mehrkosten entstehen. Es ist eine sinnvolle Einnahmequelle in meiner Selbstständigkeit. Gleichzeitig bedeutet es, dass ich mit einem Konzern arbeite, den ich nicht unterstützen möchte. Diese Widersprüche ziehen sich durch viele Bereiche meines Lebens.

Es gibt auch positive Beispiele. Canva ist ein Unternehmen, dessen Werte ich eher teile. Die Gründerin setzt sich mit gesellschaftlichen Themen auseinander und übernimmt Verantwortung. Das fühlt sich anders an. Gleichzeitig ist es eines von wenigen Unternehmen in dieser Größenordnung, bei denen ich dieses Gefühl habe.

Ein weiteres Thema ist Apple. Ich nutze ausschließlich Apple-Geräte, vom MacBook bis zu den AirPods. Gleichzeitig gibt es Entwicklungen und Verbindungen, die mich zweifeln lassen. Politische Nähe, Entscheidungen im App Store und bestimmte öffentliche Auftritte passen nicht zu meinen Werten. Trotzdem fehlt mir auch hier eine klare Alternative.

Die zentrale Frage bleibt: Was sind die Alternativen und sind sie wirklich besser? Ist ein Wechsel zu anderen Anbietern tatsächlich eine Verbesserung oder nur ein Verschieben des Problems? Diese Unsicherheit macht Entscheidungen nicht leichter. Oft fühlt es sich an, als würde ich von einem Dilemma ins nächste rutschen.

Ich habe sogar mit einer Mentorin darüber gesprochen, die vor ähnlichen Herausforderungen steht. Auch sie nutzt ein Custom GPT und überlegt, ihr Abo zu kündigen. Gleichzeitig gibt es keine klare Lösung, wie sie ihr Angebot sonst umsetzen kann. Dieses Problem ist also nicht individuell, es betrifft viele.

Das Thema Moral und Werte begleitet mich inzwischen täglich. Es raubt mir teilweise den Schlaf, weil ständig neue Informationen dazukommen. Egal, welche Nachrichten ich sehe oder welche Plattform ich nutze, es tauchen neue Konflikte auf. Es wird nicht weniger, es wird mehr.

Ich halte es kaum noch aus, mit bestimmten Strukturen in Verbindung gebracht zu werden. Gleichzeitig gibt es diesen Satz: Es gibt keine ethischen Milliardäre. Und ich merke, wie sehr mich dieser Gedanke beschäftigt. Ich möchte nicht, dass mein Geld solche Systeme unterstützt.

Gleichzeitig fehlen mir echte Alternativen. Was mache ich statt Instagram, Spotify Creators, Amazon Affiliate oder ChatGPT? Was nutze ich statt Apple? Diese Fragen bleiben offen. Ich habe aktuell keine Lösung.

Dieses Thema verschwindet nicht. Es wird eher intensiver. Ich hatte kurz den Gedanken, dass ich vielleicht abstumpfe, aber das passiert nicht. Stattdessen wird es präsenter. Deshalb spreche ich darüber. Und ich frage mich immer wieder: Wann kommt der Punkt, an dem ich alles lösche? Und was passiert dann?

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