61 – Die mit den Wellen (“Ausgesprochen selbstständig”)

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Was ich beim Start in die Selbstständigkeit vor vier Jahren völlig unterschätzt habe, war das mit den Wellen. Ich wusste schon immer, dass im Leben vieles in Wellen passiert und kaum etwas wirklich linear verläuft, dazu gibt es sicher auch zahlreiche kluge Bücher. Trotzdem habe ich das Gefühl, dass dieser Effekt in der Selbstständigkeit noch deutlich stärker spürbar ist. Vermutlich liegt das daran, dass es hier um die eigene Existenz geht und dadurch alles intensiver wahrgenommen wird. Am offensichtlichsten zeigen sich diese Wellen beim Umsatz.

Ich habe in meiner Selbstständigkeit schnell gemerkt, dass Umsatz in Wellen kommt. Selbst wenn er über Monate oder Jahre hinweg insgesamt steigt, verläuft diese Entwicklung nicht in einer geraden Linie nach oben. Es gibt immer wieder Phasen, in denen es nach unten geht, bevor es wieder steigt. Diese Bewegungen gehören aus meiner Sicht ganz selbstverständlich dazu und ich sehe das auch bei anderen. Trotzdem bin ich mit einer ganz anderen Erwartung gestartet.

Ich war davon ausgegangen, dass Wachstum konstant sein müsste. Gute Arbeit, Sichtbarkeit, Strategie und Einsatz sollten doch automatisch dazu führen, dass es immer weiter nach oben geht. Im Angestelltenverhältnis hatte ich diese Erfahrung gemacht, da mein Gehalt mit jedem Jobwechsel gestiegen ist. In der Selbstständigkeit funktioniert das nicht so. Wenn ich mir diese Wellen anschaue, fühlt sich ein Rückgang manchmal wie ein Rückschritt an, obwohl er Teil der Realität ist.

Ein Monat läuft gut, der nächste fühlt sich plötzlich so an, als würde nie wieder jemand etwas kaufen. In solchen Momenten taucht schnell die Frage auf, ob etwas falsch gemacht wurde oder ob die gesamte Strategie überdacht werden muss. Dabei ist oft nichts falsch, es ist einfach nur eine Welle. Die Erwartung von linearer Entwicklung sorgt dafür, dass ein völlig normaler Rückgang sofort wie ein Problem wirkt. Das betrifft nicht nur den Umsatz.

Auch Reichweite entwickelt sich in Wellen. Egal ob auf Instagram oder anderen Kanälen, sie steigt nicht gleichmäßig an. Es geht hoch und wieder runter, selbst wenn die Gesamtentwicklung nach oben zeigt. Dieses Muster zieht sich durch alle Bereiche der Selbstständigkeit. Arbeitsaufwand, Motivation, Umsatz, Sichtbarkeit, Anfragen, alles bewegt sich in Wellen.

Auch nach vier Jahren bleibt das eine Herausforderung. Wellen fühlen sich weniger stabil und weniger vorhersehbar an als eine gerade Linie. Viele wünschen sich Stabilität und Regelmäßigkeit, besonders am Anfang. Diese Erwartung sitzt tief, weil sie Sicherheit verspricht. Die Vorstellung, dass mehr Arbeit automatisch zu konstantem Wachstum führt, ist weit verbreitet. Meine Erfahrung zeigt jedoch ein anderes Bild.

Weil ich erkannt habe, dass alles in Wellen passiert, habe ich begonnen, damit zu arbeiten. Statt dagegen anzukämpfen, plane ich mein Business so, dass sich Wellen gegenseitig ausgleichen. Ich arbeite antizyklisch und gestalte bewusst unterschiedliche Phasen. Wenn ich weiß, dass die Umsatzwelle gerade sinkt, fokussiere ich mich gezielt auf Reichweite. So steigt in dieser Phase eine andere Welle.

Dieser Wechsel ist steuerbar. Wenn der Fokus auf Reichweite liegt, sinkt der Umsatz oft zunächst. Dafür steigt die Sichtbarkeit. In der nächsten Phase nutze ich diese Sichtbarkeit aktiv für Verkauf, wodurch der Umsatz wieder wächst. Gleichzeitig sinkt dann oft die Reichweite, da der Fokus verschoben ist. Storyviews gehen zurück, während der Umsatz steigt. So entsteht ein ständiges Auf und Ab.

Ich habe mir angewöhnt, diese Dynamik gezielt zu nutzen. Wenn eine Welle nach unten geht, steigt eine andere. Das erfordert Vertrauen, vor allem in schwierigen Phasen. Gleichzeitig habe ich Methoden entwickelt, um diese Bewegungen aktiv zu beeinflussen. Ich fühle mich den Umständen nicht ausgeliefert. Es entsteht ein Gefühl von Steuerbarkeit, auch wenn keine Garantie für Ergebnisse existiert.

Ein konkretes Beispiel sind die Anmeldungen für den Artist Business Club. Auch diese verlaufen in Wellen. Es gibt Monate ohne neue Anmeldungen und andere, in denen täglich jemand dazukommt. In einer 30 Tage Verkaufschallenge habe ich den Club täglich beworben und es kamen kaum Anmeldungen. Trotzdem habe ich weitergemacht, weil klar war, dass sich die Welle erst aufbauen muss.

Im darauffolgenden Zeitraum zeigte sich der Effekt. Im Juni und Juli kamen plötzlich fast täglich neue Anmeldungen, obwohl die Challenge bereits vorbei war. Das zeigt, wie wichtig Durchhaltevermögen ist. Gerade in Phasen, in denen wenig passiert, entsteht schnell der Impuls aufzuhören. Doch genau dann braucht es Kontinuität, auch ohne sofortige Belohnung.

Hilfreich ist der Blick auf andere Bereiche. Es gibt immer etwas, das gerade wächst. Der Fokus liegt oft auf dem, was nicht funktioniert. Dadurch wird übersehen, wo es gerade gut läuft. Ich werte meine Zahlen regelmäßig aus, täglich in Kurzform und monatlich detailliert. Umsatz, Marketingaktivitäten, Conversion Rates, alles wird erfasst.

Diese Auswertung macht die Wellen sichtbar. Erst dadurch wird es möglich, bewusst damit zu arbeiten. Wichtig war für mich, diese Bewegungen nicht zu verdrängen oder zu bewerten. Statt alles infrage zu stellen, beobachte ich zunächst. Wenn ich erkenne, dass ein Bereich sinkt, verschiebe ich den Fokus auf einen anderen.

Das erfordert Übung und Erfahrung. Es funktioniert nicht immer perfekt. Gleichzeitig bringt es Abwechslung in die Arbeit. Projekte und Schwerpunkte verändern sich regelmäßig, was motivierend wirkt. Es entsteht weniger Routine und mehr Dynamik.

Auch die Motivation selbst verläuft in Wellen. Ideen, Disziplin und Durchhaltevermögen sind nicht konstant. Ich achte darauf, dass diese Wellen sich ausgleichen. Dadurch gibt es immer irgendwo Fortschritt. Das hilft, dranzubleiben.

Visuell lassen sich diese Wellen gut erkennen. Umsatzgrafen oder Reichweitenentwicklungen zeigen klare Auf und Ab Bewegungen. Langfristig geht es nach oben, aber nie in einer geraden Linie. Rückschritte gehören dazu. Zwei Schritte zurück und fünf nach vorne sind normal.

Die eigentliche Herausforderung besteht darin, die verschiedenen Bereiche so zu steuern, dass nie alles gleichzeitig sinkt. Wenn Sichtbarkeit aufgebaut wird, kann später der Umsatz steigen. Diese Zusammenhänge zu verstehen braucht Zeit. Im ersten Jahr wäre das für mich unmöglich gewesen.

Erst nach mehreren Jahren wurde es greifbar. Heute nutze ich dieses Wissen aktiv. Manchmal entsteht trotzdem der Wunsch nach konstantem Wachstum. Gleichzeitig ist klar, dass ein dauerhaftes explosionsartiges Wachstum kaum nachhaltig wäre. Systeme und Strukturen würden das oft nicht tragen.

Deshalb habe ich meinen Frieden mit diesen Wellen gemacht. Ich arbeite mit ihnen statt gegen sie. Das gilt für alle Bereiche, auch für Motivation und Kreativität. Nichts davon ist konstant.

Für mich geht es nicht darum, Wellen zu glätten oder zu vermeiden. Ziel ist es, sie zu erkennen und gezielt zu nutzen. Entscheidend ist zu wissen, welche Welle gerade aktiv ist und entsprechend zu handeln. Genau darin liegt die eigentliche Arbeit.

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