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54 – Die mit den Schwächen (“Ausgesprochen selbstständig”)

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Oft sagen Künstlerinnen zu mir, wie organisiert und strukturiert ich bin. Da ist dann auch ein bisschen Neid mit drin, und jedes Mal, wenn ich das höre, bin ich erst kurz verwirrt und dann habe ich so einen Moment, wo ich denke, ah, spannend, woher kommt das? Denn alle, die mich schon länger kennen, privat kennen, meine Familie, würden darüber lachen.

Einerseits ist das natürlich total nett, wenn jemand mir sagt, wie organisiert und strukturiert ich bin und dass die Person auch gerne so organisiert und strukturiert wäre wie ich, aber andererseits wird mir dadurch immer klar, wie sehr ich selbst und wie sehr wir alle dazu neigen, uns auf die Stärken oder vermeintlichen Stärken anderer zu fokussieren und sie dann mit unseren Schwächen zu vergleichen. Außerdem vergleichen wir uns nur mit dem, was wir von außen sehen und was wir von außen wahrnehmen, ohne zu wissen, wie es wirklich ist oder warum es so ist.

Ich kenne dieses Gefühl richtig gut, dieses die kann das und ich kann das nicht, oder bei ihr sieht das so leicht aus und bei mir ist alles Chaos. Genau deswegen dachte ich mir, es wird Zeit, darüber zu sprechen. Ich habe es schon immer mal ein bisschen angesprochen, aber jetzt reden wir ausführlich darüber, weil ich hier im Podcast nicht nur über das spreche, was gut läuft, sondern auch darüber, was bei mir nicht gut läuft, was mir schwer fällt oder wo ich mir selber im Weg stehe, weil es Sichtbarkeit dafür braucht.

Weil ich immer wieder Rückmeldungen bekomme, dass ich so strukturiert und organisiert wirke und dass alles so leicht aussieht, rede ich so lange darüber, bis ihr auch diese Seite seht und wahrnehmt. Eines kannst du mir glauben, auch wenn du das bei mir auf Instagram nicht so wahrnimmst. Ich habe viele Schwächen, wirklich viele Schwächen, so wie vermutlich jeder Mensch, und vor allem habe ich viele Schwächen, die mir in der Selbstständigkeit erstmal im Weg stehen.

Diese Schwächen haben auch dazu geführt, dass ich das mit dem mich selbstständig machen lange rausgezögert habe, weil ich immer gesagt habe, dass ich nicht der Typ bin für die Selbstständigkeit, genau wegen dieser Schwächen. Das sind nicht so banale Schwächen, wo man sagen kann, ach, sie mag halt keine Sprachnachrichten, weil ihr Gehirn das nicht verarbeiten kann. Das ist eine Schwäche, aber das ist nicht dramatisch. Ich meine Schwächen, die ganz konkret dazu führen können, dass Dinge nicht fertig werden, dass Planung nicht funktioniert, dass ich mir selbst Stress mache oder andere damit stresse, und das ist für Selbstständigkeit mehr als unpraktisch.

Dieses Phänomen beobachte ich in Gesprächen mit anderen wirklich fast täglich, mindestens zweimal pro Woche. Ich wirke oft strukturiert, andere beneiden mich um Disziplin und Prozesse, aber das liegt nicht daran, dass ich innerlich so ein super sortierter Mensch bin, sondern es liegt daran, dass ich Systeme entwickelt habe, die meine Schwächen ausgleichen. Das heißt, ich wirke nicht organisiert, weil ich organisiert bin, sondern weil ich mich organisieren muss, weil ich es nicht bin.

Deswegen möchte ich die Folge so aufbauen: Ich spreche über meine Schwächen und darüber, wie sie mich in meiner Selbstständigkeit herausfordern, und dann spreche ich darüber, was mir hilft und wie ich mit diesen Schwächen realistisch umgehe. Ich hoffe, das kann entlastend sein zu hören, dass die Person, die so organisiert wirkt, vielleicht einfach nur gute Methoden gefunden hat. Das ist die Idee hinter dieser Folge, und deshalb gehen wir jetzt meine fünf größten Schwächen durch, die mir bei der Selbstständigkeit die ein oder andere Falle stellen, sich als Herausforderung erwiesen haben und wo ich definitiv Lösungen brauchte.

Die erste Schwäche ist: Ich kann nicht priorisieren. Das ist wirklich ein grundlegendes Problem. Ich kann nicht priorisieren, gar nicht, ich kann es einfach nicht. In meinem Kopf sind alle Dinge immer gleich wichtig. Ich weiß nicht, ob sich das von außen vorstellen lässt, aber kleine Kinder können besser priorisieren als ich, kleine Kinder können besser einordnen, was wichtig ist, was dran ist, was dringend ist als ich selbst. Auch wenn ich rational weiß, was zuerst dran wäre, fühlt es sich auf einer emotionalen Ebene gar nicht so an. Alle meine To dos sind für mich entweder gar nicht wichtig oder extrem wichtig und dringend, dazwischen gibt es eigentlich nichts.

Das führt dazu, dass ich mich dann lieber um Kleinigkeiten kümmere, weil sie mich motivieren, weil sie neu sind oder weil sie sich nach einem Spiel oder nach einer Challenge anfühlen, und dann landen sie automatisch ganz oben auf der Liste, während ich eigentlich etwas Wichtigeres machen sollte, das nach unten rutscht, weil es komplexer ist oder länger dauert oder weil ich nicht genau weiß, wie ich anfangen soll. Langweilige, aber wichtige Aufgaben fange ich einfach nicht an, und statt um Dringendes kümmere ich mich lieber erstmal um alles, was irgendwie interessant ist. In der Selbstständigkeit ist das natürlich ungünstig, weil priorisieren irgendwie die halbe Miete ist. Ich kann das schönste System der Welt haben, wenn ich ständig am falschen Ende anfange, bringt mir das nichts.

Dieses Problem mit dem Priorisieren hatte ich schon immer, auch im Angestelltenverhältnis und auch privat. Es gibt für mich keine logische Reihenfolge, nichts kommt automatisch in eine sinnvolle Reihenfolge, und das ist für mich herausfordernd. Irgendwann, und das kam mit der Selbstständigkeit, habe ich rausgefunden, was mir hilft, und zwar nicht, es endlich zu lernen. Das habe ich viele Jahre versucht, das hat nicht geklappt. Es hilft auch nicht, die hundertste App herunterzuladen, die verspricht, dass dann endlich alles in die gute Reihenfolge kommt, sondern was mir hilft, ist es abzugeben.

Ich frage andere und bitte um Unterstützung. Das habe ich wirklich erst in der Selbstständigkeit gelernt, weil es vorher nicht vorstellbar war, um Unterstützung zu bitten, aber ich delegiere die Priorisierung. Ich weiß, dass das für viele ein komischer Satz ist, weil priorisieren nach etwas klingt, das man alleine im Kopf machen müsste, aber ich habe gemerkt, sobald ich jemanden frage, sieht die Person in drei Sekunden, was am meisten Sinn ergibt oder was eine sinnvolle Reihenfolge ist. Gleichzeitig gibt mir das mehr Motivation, weil jemand anders es als wichtig eingestuft hat, und dadurch entsteht mehr Verbindlichkeit.

Das heißt, ich schreibe alles auf, alle To-Dos, und wenn ich es nicht priorisieren kann, frage ich jemanden aus meinem Freundeskreis, aus meiner Familie, aus meinem Umfeld, ganz egal, ob die Person mal kurz drauf gucken kann und mir sagt, mit welchen drei Aufgaben ich jetzt am besten anfange. Manchmal frage ich auch auf Instagram, ihr sagt aber immer alle, ich soll mit dem Malen anfangen. Dieses Outsourcing hilft mir mehr als jede App oder jedes System oder jede Selbstgeißelung.

Dann gibt es eine zweite Sache, die mir hilft, an Tagen, an denen ich es schaffe, streng oder diszipliniert zu sein. Ich habe feste Prioritäten, an denen ich mich immer orientieren kann. Das bedeutet, ich schaue nicht jeden Tag neu, was beruflich dran ist, sondern ich habe Grundregeln, nach denen ich meine Aufgaben, To do Listen und meinen Tagesplan erstmal strukturiere, damit es zumindest grob sortiert ist. Diese Grundregeln sind, dass einkommenssteigernde Aktivitäten immer zuerst dran sind, also alles, was mit Umsatz zu tun hat, rutscht ganz nach oben. Dann kommt alles mit Kundinnen und Community vor Organisatorischem, und das ist für mich eine große Entlastung, weil es mich davor bewahrt, drei Stunden an irgendeiner hübschen Tabelle zu basteln oder meinen Wasserkocher im Studio zu entkalken, während eigentlich ein Angebot raus müsste oder eine Master Class für den Artist Business Club vorbereitet werden sollte oder eine Künstlerin eine Rückfrage hat.

Ich habe einmal definiert: einkommenssteigernde Aktivitäten kommen zuerst, alles mit Kundinnen und Community kommt als zweites, und alles Organisatorische kommt als drittes. Das Spannende ist, sobald ich diese festen Prioritäten habe und mir Hilfe hole beim Priorisieren, wirkt es nach außen, als wäre ich total strukturiert. Dabei ist es eher so, dass ich mir Regeln gebe, die ich meistens einhalte oder die es mir zumindest leichter machen, zu priorisieren, wenn ich überfordert bin. Das führt dann dazu, dass ich total strukturiert wirke, aber das ist nur, weil ich Lösungen gefunden habe, nicht weil ich es bin.

Die zweite Schwäche ist, ich bin zeitblind. Wenn du nicht weißt, was das ist, guck gerne mal nach, Time Blindness ist ein gängiger Begriff dafür. Diese Schwäche ist in meinem Alltag super anstrengend, weil ich niemals eine Ahnung habe, wie lange irgendeine Aufgabe dauern wird, egal wie oft ich sie schon gemacht habe. Das Absurde ist, ich könnte etwas schon zehnmal gemacht haben und beim elften Mal denke ich wieder, ach, das geht schnell, und dann sitze ich drei Stunden später noch da und frage mich, wie das schon wieder passiert ist.

Diese Blindheit für Zeit macht Planung fast unmöglich, wenn ich aus dem Gefühl heraus plane, weil mein Gefühl nicht stimmt. Es liegt nicht nur ein bisschen daneben, es liegt teilweise komplett daneben. Ich unterschätze, wie lange Dinge dauern, ich verschätze mich, ich plane Tage zu voll oder Zeitfenster zu knapp, und am Ende bin ich gestresst und enttäuscht und denke, ich kriege es nicht hin.

Was mir hilft, und das habe ich erst richtig mit der Selbstständigkeit eingeführt, ist Zeiterfassung. Ich benutze dafür Toggle, das ist ein kostenloses Tool, und für mich ist das kein Selbstoptimierungsding, sondern eine Methode, um einen Abgleich zu machen zwischen Realität und meinem Kopf. Durch Toggle habe ich keine gefühlten Wahrheiten mehr, wenn es darum geht, meinen Tag oder meine Woche zu strukturieren, sondern ich habe echte Daten, auf die ich gucken kann. Ich kann nachschauen, wie lange eine Aufgabe wirklich dauert, wie lange ich für Newsletter brauche, wie lange die Vorbereitung einer Master Class für den Artist Business Club dauert, und wie lange dieser Kleinkram dauert, von dem ich immer denke, das geht schnell und kann nebenher laufen. Dann kann ich mich daran orientieren und nicht an dem, was ich vermute, was fast immer falsch ist.

Mit dieser Information mache ich noch etwas, das mir total hilft. Wenn ich eine Aufgabe in meine Wochenplanung oder meine To do Liste schreibe, schreibe ich dahinter, wie lange sie dauert oder wie lange sie dauern darf. Diese Formulierung ist wichtig, weil es nicht nur darum geht, wie lange etwas braucht, sondern auch darum, wie lange ich der Aufgabe gebe. Damit ich das dahinter schreiben kann, checke ich die Auswertungen in Toggle, damit ich nicht schätzen muss.

In dem Moment, wo eine Aufgabe in meine Planung kommt, schreibe ich dahinter, wie viele Minuten ich mir dafür gebe, und ich versuche, To do Listen so zu schreiben, dass Aufgaben ungefähr gleich lang dauern. Ich definiere Aufgaben so, dass sie alle 30 Minuten dauern oder alle 50 Minuten dauern. Das ist herausfordernd, weil mein Kopf super gern in riesigen Blöcken denkt, aber weil ich Aufgaben in 30 Minuten Pakete aufteile, zwinge ich mich, Dinge runterzubrechen. Dann kann ich nicht aufschreiben, Master Class vorbereiten, weil Master Class vorbereiten über 14 Stunden dauert und kein Punkt auf einer To do Liste ist, sondern ich schreibe Gliederung für die Master Class erstellen 30 Minuten, Beispiele für die Master Class sammeln 30 Minuten oder Slides anlegen 30 Minuten, und plötzlich wird es machbar, es fühlt sich nicht so riesig an und ich habe mehr Erfolgserlebnisse, weil ich Zwischenschritte erledige.

Dadurch verstehe ich auch, dass ich für das Projekt Master Class im Artist Business Club zwei bis drei Tage freihalten muss, weil es aus vielen Aufgaben besteht. Master Class vorbereiten ist kein To do, sondern ein Projekt aus ganz vielen To dos. Das habe ich auch in anderen Bereichen gelernt, weil Newsletter für März vorschreiben ein Projekt ist, das viele Stunden dauert, aber Newsletter für Kalenderwoche 11 schreiben und Newsletter für Kalenderwoche 12 schreiben sind To dos. Wenn ich alle To dos erledigt habe, ist das Projekt erledigt.

So zu denken hilft mir, dass ich mich nicht verzettle, weil es in der Vergangenheit wirklich passiert ist, dass ich meine To do Liste für den Tag geschrieben habe, dann mit Toggle zusammengerechnet habe, wie lange das dauern wird, und dann kam ich auf entspannte 42 Stunden. Dass das ein Problem ist, darüber brauchen wir nicht reden. Also habe ich es so angepasst, dass auf einer To do Liste für den Tag Aufgaben ungefähr gleich lang dauern. Dann stelle ich mir auf der Apple Watch einen Timer auf diese Zeit, und so lange habe ich dann für Newsletter schreiben oder was auch immer. Von außen wirkt das wieder wie perfekte Struktur, aber tatsächlich ist es eher eine Art Schadensbegrenzung. Es ist wie eine Brille, weil man sonst nichts sieht. Ich trage Zeiterfassung und Toggle wie eine Brille, damit ich Zeit sehen kann, weil ich sonst blind dafür bin.

Schwäche Nummer drei ist auch anstrengend. Ich brauche Druck, um gute Leistungen zu bringen und konzentriert zu arbeiten. Das geht mir so auf die Nerven, dass das bei mir so ist, aber ich habe das in 37 Jahren nicht aus mir rausbekommen. Es war schon immer so, und deshalb bleibt es vermutlich so. Diese Schwäche hat die meisten Nebenwirkungen, weil sie auch mein Umfeld betrifft. Ich brauche Druck, um abzuliefern, und ich wünschte, ich wäre ein Mensch, der entspannt früh anfängt, Schritt für Schritt vorankommt und am Ende noch Zeit für Feinschliff hat. Das wäre schön, aber bei mir passiert vieles später als nötig, und das passiert oft auf Kosten anderer und auf Kosten meiner Freizeit.

Das endet dann in Nachtschichten oder darin, dass ich etwas absagen muss. Das ist nicht romantisch, und es hat für mich nichts mit Freiheit zu tun. Das ist kein ich arbeite halt besser nachts, das ist purer Stress, und es ist unfair mir gegenüber, weil ich meinen Körper und meinen Kopf ausquetsche bis aufs letzte, und es ist unfair anderen gegenüber, wenn sie Zeit mit mir verbringen wollten und ich absagen musste. Dazu kommt, dass ich maximal angespannt und unausstehlich bin, wenn Dinge knapp werden. Meine Zündschnur wird kurz, ich vergreife mich im Ton, ich bin nicht erreichbar, und mein Umfeld hat keinen Spaß mit mir.

Ich versuche einen Mittelweg zu finden. Ich habe mich damit abgefunden, dass ich unter Druck besser arbeite und manchmal nur unter Druck arbeite, aber ich will einen Weg, wie das nicht jedes Mal zur völligen Erschöpfung führt und mein Umfeld nicht wahnsinnig macht. Was mir hilft, sind künstliche Deadlines, also Deadlines, die nicht echte Deadlines sind, sondern früher als die echten Deadlines. Das klingt so, als könnte ich mich selber austricksen, aber das funktioniert, wenn ich es richtig mache, und wenn ich echte Konsequenzen dranhänge. Ich muss da hart mit mir umgehen, aber dann hilft es.

Das zweite, was mir hilft, ist Verbindlichkeit mit anderen zu schaffen, also ein Kino Date, ein Spieleabend, eine Verabredung, auf die ich mich freue und die ich unbedingt in meinem Leben haben will. Ich lege das so, dass es automatisch eine Deadline nach vorne schiebt, weil ich dann nicht sagen kann, ich mache das heute Nacht. Dann muss ich vorher fertig sein, und es entsteht ein natürlicher Zeitrahmen, vielleicht ein gesünderer Zeitrahmen, der mich zwingt, tagsüber wirklich zu arbeiten.

Natürlich helfen mir auch meine Mitarbeiterinnen, weil Leute von meiner Zuarbeit abhängig sind. Ich arbeite ihnen zu, damit sie ihre Arbeit machen können, und das ist ein riesiger Hebel. Sobald andere von meinem Output abhängig sind, bin ich zuverlässiger und disziplinierter. Nicht perfekt, die leiden auch unter mir, aber ich nehme diese Verantwortung ernst, und diese Verantwortung erzeugt auf eine gesündere Weise Druck, als wenn ich mich nur selbst quäle.

Schwäche Nummer vier ist die, die du bestimmt schon mal mitbekommen hast, wenn du mir schon eine Weile folgst oder Livestreams guckst, vielleicht passiert es auch hier im Podcast. Ich klinge gemein, wenn mir etwas wichtig ist. Das war mir lange nicht richtig bewusst, und es ist mir manchmal unangenehm, dass es so ist. Ich bin ein leidenschaftlicher Mensch, und wenn mir etwas am Herzen liegt oder wenn ich sehe, dass jemand hinter seinen Möglichkeiten bleibt, sich klein macht, sich zu wenig zutraut oder sich blockiert, dann werde ich ungewollt gemein. Ich klinge gemein, obwohl ich es voller Liebe meine, weil mir das Thema oder die Person so wichtig ist und weil ich manchmal nicht gut darin bin, dieses mir ist das wichtig in weiche Worte zu packen, ohne dass der Kern verloren geht.

Dann werde ich eindringlich, weil ich die Person wachrütteln will, damit sie sieht, was ich sehe, und dann klinge ich manchmal gemein, obwohl ich es nicht gemein meine. Wenn ich mir hinterher eine Aufzeichnung anhöre, zum Beispiel von der Mahlzeit, meinem Livestream immer mittwochs auf Instagram, dann denke ich manchmal, oha, das klingt wirklich gemein, was du gerade sagst, aber ich sage das nur so gemein, weil es mir so wichtig ist, nicht weil ich ein gemeiner Mensch bin. Ich bin kein gemeiner Mensch, aber ich kann mir vorstellen, wenn jemand sensibel ist oder unsicher ist, dann kann das wie eine Dampfwalze wirken, und es tut mir leid.

Was mir hilft, ist es anzusprechen. Ich warne Künstlerinnen quasi vor, ich erkläre, dass ich nur so direkt bin, weil es mir so viel bedeutet, damit sie einordnen können, wie es gemeint ist. Ich will, dass jede Künstlerin versteht, dass dieser strenge Ton aus dem Drang entsteht, dass sie sich nicht kleiner macht als sie ist, dass sie ihr Potenzial ausschöpft, dass sie erkennt, wo sie sich selbst im Weg steht oder sich das Leben schwerer macht als nötig. Deswegen erkläre ich das vorher, damit Menschen das einordnen können.

Ich denke auch, dass es hilfreich ist, dass ich in meinem Marketing genauso bin. Wenn man mir auf Instagram folgt oder den Podcast hört, versteht man schon, wie ich rede und wie ich Dinge meine, und das ist bewusst so, weil ich in meinem Marketing genauso auftrete, wie ich in meiner Arbeit bin. Ich bin direkt, ich bin manchmal gemein in Anführungszeichen, ich sage unbequeme Sachen, damit jede Künstlerin im Vorfeld einschätzen kann, ob ich als Mentorin passe und ob sie mit mir arbeiten will. Ich finde es wichtig, das zu zeigen, zum Beispiel im Livestream, weil es wieder zu diesem Thema vom Anfang passt. Außen wirkt es wie Stärke oder Selbstbewusstsein, ja, die ist direkt, die ist klar, die ist strukturiert, aber innerlich kämpfe ich manchmal damit, wie ich mich ausdrücke, ohne Menschen auf den Schlips zu treten, die ich stärken will. Oft merke ich es erst, wenn ich zurückschaue, und dann denke ich, es klingt gemein, aber ich meine es gar nicht gemein. Also rede ich drüber, damit Menschen das einordnen können.

Schwäche Nummer fünf ist kein Weltuntergang, aber manchmal nervig. Ich muss über Dinge sprechen, um sie zu verstehen oder mir zu erarbeiten. In der Selbstständigkeit ist das manchmal unpraktisch. Ich bekomme Klarheit nicht, indem ich alleine am Schreibtisch sitze und eine Stunde darüber nachdenke, sondern Klarheit entsteht erst, wenn ich darüber rede. Dieser Podcast ist dabei immer wieder hilfreich, weil wenn ich Dinge ausspreche und mir quasi selbst zuhöre, wie ich etwas sage, und auch wenn jemand reagiert, manchmal nur mit einem Gesichtsausdruck oder mit einem warte mal, dann wird mir etwas klarer. Es geht nicht um krasses Brainstorming, sondern darum, Dinge laut auszusprechen.

Als Einzelunternehmerin, die alleine im Atelier sitzt, ist das manchmal eine Herausforderung. Ich habe ja auch die Podcast Folge zur Einsamkeit gemacht, da habe ich das angesprochen. Es gibt keine Kolleginnen an der Kaffeemaschine und niemand sitzt mir gegenüber für einen kurzen Gedankenaustausch, aber manchmal brauche ich genau das, um eine Master Class oder ein Angebot zu konzipieren, um Themen für Content zu finden oder überhaupt Struktur in Gedanken zu bekommen. Ich merke, wie mein Gehirn erst beim Sprechen in Fahrt kommt, als würde es ohne Gespräch nicht arbeiten wollen.

Was mir sonst hilft, sind die 1 zu 1 Termine mit Künstlerinnen, weil ich da so viele Ideen bekomme, einfach weil ich über Dinge spreche und Dinge erarbeite, und es helfen auch Gespräche mit Freundinnen, mit meiner Frau, weil ich da Dinge laut sortieren kann. Dann muss es nicht sofort richtig oder final sein, sondern es kann beim Sprechen entstehen. Manchmal spreche ich auch mit Chat GPT über diese Diktierfunktion, das heißt, ich kann zehn Minuten am Stück reinreden, und das ist dann wie ein Gesprächspartner, der erstmal alles sammelt, damit ich es mir nicht merken muss. Danach habe ich alles schriftlich, und das ist praktisch, weil nach drei Minuten oft die coolen Ideen kommen, und damit ich das nicht in dem Moment aufschreiben muss, diktiere ich es, und danach kann ich gucken, was ich damit mache.

Das sind meine Top fünf Schwächen, die in der Selbstständigkeit manchmal nervig und manchmal ein echtes Problem sind. Was mir wichtig ist, ich will diese Schwächen nicht wegmachen. Es gab Phasen, in denen ich das versucht habe oder gerne so gehabt hätte, aber ich habe mich damit arrangiert, weil ich nicht zu einer anderen Person werden will. Ich will nicht zu einem Menschen werden, der perfekt priorisieren kann, der nie Zeit unterschätzt, der immer ohne Druck abliefert, der ganz sanft klingt, obwohl er Feuer hat, und der alles alleine im Kopf löst. So ein Mensch bin ich nicht.

Ich will lieber ehrlich darüber sprechen, weil ich mir sicher bin, dass es nicht nur mir so geht, und weil es mir wichtig ist, sichtbar zu machen, dass es nicht so ist, auch wenn es von außen manchmal so wirkt, als wäre bei mir alles leicht und strukturiert und organisiert. Ich will Systeme bauen, die für mich funktionieren, so wie ich bin, und die vielleicht auch anderen helfen, die ähnlich ticken wie ich. Das ist es, was mir wichtig ist, auch wenn das mehr Arbeit ist, als wenn mir alles leicht fallen würde.

Jetzt kennst du den Grund, warum ich oft so strukturiert wirke, nicht weil ich so großartig bin, sondern weil ich so viele Schwächen habe, dass ich keine andere Wahl habe, als mir gute Systeme zu bauen. Vielleicht ist das eine kleine Entlastung für dich, wenn du mir auf Instagram zuschaust und denkst, wie macht sie das alles, weil vielleicht mache ich das nicht, weil ich stark und unfehlbar bin, sondern weil ich gelernt habe, meine Schwächen zu kennen, mich damit auseinanderzusetzen und sie zu integrieren, statt mich dafür klein zu machen und schlecht mit mir zu reden.

Ich glaube auch, dass es eine riesige Lüge ist in der Selbstständigkeit, dass Professionalität bedeutet, keine Schwächen zu haben oder keine Schwächen zu zeigen. Für mich fühlt sich Professionalität inzwischen so an: Ich kenne meine Schwächen, ich ignoriere sie nicht, ich tue nicht so, als wären sie nicht da, sondern ich baue um sie herum und integriere sie, weil sie nun mal da sind.

Wenn du dich also mit meinen Stärken vergleichst, dann vergleich bitte auch meine Schwächen. Jetzt kennst du sie ja besser, oder vergleiche dich gar nicht. Ich weiß, das ist leichter gesagt als getan, gelingt mir auch nicht immer, aber ich glaube, das ist am Ende der Punkt, wo wir hinkommen sollten, wenn Zufriedenheit ein Ziel ist. Schau lieber, was bei dir im Weg steht oder wo du dir selber im Weg stehst, und dann frag dich nicht, wie werde ich anders, sondern frag dich, welches System könnte mich so unterstützen, wie ich bin.

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